Last Update: 11/01/04

AntiFa - Arbeit in der Provinz

Die AntiFa Nierstein hat sich 1992, nach den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen gegründet. Nierstein am Rhein hat ca. 7000 EinwohnerInnen und liegt etwa 20 km südlich von Mainz.
Trotz der Nähe zu Mainz, wo es schon antifaschistische Strukturen gab, beschlossen wir eine antifaschistische Gruppe vor Ort ins Leben zu rufen. Die Überlegung war, daß antifaschistische Politik nicht nur auf Städte beschränkt bleiben darf, sondern überall für alle Menschen konkret erfahrbar sein muß.
Doch es war uns zunächst nicht klar, was die Umsetzung linker Politik in ländlichen Strukturen bedeutet, denn Maßstäbe linker Politik, die in den Städten Geltung haben, sind kaum auf ländliche Strukturen zu übertragen.
Daher war unser politisches Handeln zunächst durch Konfrontation bestimmt., was zur Folge hatte, daß es keine Gruppierung mehr in Nierstein gab, bis hin zum progressiven Lager, die sich nicht von uns distanzierte. Ein „linksradikales" Flugblatt, das in Mainz verteilt höchstens ein Schulterzucken zur Folge gehabt hätte, wurde hier über eine Woche zum Aufmacher in der Lokalpresse. Diese erste politische Handlung machte uns mit einem Schlag zum Gegenstand des öffentlichen Interesses, aber hatte auch unsere völlige Isolation zur Folge.
Für uns bedeutete dies ein Hinterfragen und Neudefinieren unserer politischen Arbeit. Isoliert und in eine Ecke gedrängt, war uns nicht möglich, Leute zu mobilisieren, um unsere Forderungen und Positionen in die Öffentlichkeit hineinzutragen.
Um dies zu erreichen, konnten wir nicht auf Bündnisse mit bürgerlich - progressiven Gruppen, so wie Grüne, Welt - Laden, linke SPD - Zirkel, Kulturverein eigenART und Arbeitskreis Asyl, verzichten.
Unser politisches Handeln muß daher diese Bündnispolitik stets im Auge behalten und im Zusammenhang damit die Vermittelbarkeit unserer Aktionen und Aktionsformen, ohne jedoch die eigenen Positionen zu verwässern oder aufzugeben.
Konfrontationen sollten daher nur dann als politisches Mittel gewählt werden, wenn es unbedingt notwendig ist, während bündnisfähige Politik Priorität genießen sollte.
Die unmittelbare Resonanz auf unser Handeln zeigt uns dann sehr schnell, ob unsere Strategie erfolgreich war oder nicht.
Ein weiterer Faktor, der immer in unsere Überlegungen einfließen muß, ist das Fehlen der Anonymität in einer so kleinen Ortschaft.
Zentral für unsere Arbeit ist und bleibt eine Politik, mit der wir möglichst viele Menschen erreichen, wenn wir einen breiten antifaschistischen Konsens erreichen wollen.
Konzepte, die auf einen bundesweite Relevanz abzielen sind auf die Erfahrungen von Gruppen, die in der Provinz arbeiten angewiesen, wenn umfassende politische Arbeit geleistet werden soll.