Last Update:03/11/04

Die Kornsandmorde: Die Gedenkfeier findet am 21. März um 18 Uhr statt

Kurz bevor die alliierten Truppen den Raum Nierstein - Oppenheim erreichten, wurden fünf Gegner und eine Gegnerin des Naziregimes auf dem Kornsand von Niersteiner Nazifunktionären hingerichtet. Schon seit der „Machtergreifung“ 1933 hatten die NSDAP und ihre Gefolgsleute hier in der Region ganze Arbeit geleistet.

In Osthofen, wo eines der ersten Konzentrationslager entstand, wurden AntifaschistInnen aus den rheinhessischen Gebieten um Worms, Nierstein, Oppenheim und Mainz interniert. Auch aus dem rechtsrheinischen Gebiet von Mörfelden über Darmstadt bis hin zur Bergstraße wurden Menschen nach Osthofen verschleppt.

In Oppenheim brannten die Nazis 1938 die Synagoge nieder und verwüsteten jüdische Geschäfte. Auch in der NS Hochburg Nierstein wurden AntifaschistInnen und Menschen jüdischen Glaubens verfolgt und in Lager abtransportiert. Kurz vor Kriegsende setzten am Brückenkopf Oppenheim versprengte Truppenteile, Militärs, Ortsgruppenleiter und andere Nazigrößen über den Rhein, um sich vor den anrückenden Alliierten in Sicherheit zu bringen. Der Fluchtweg über die Niersteiner Fähre sollte solange wie möglich offengehalten werden. Auch Nazis aus Nierstein und Oppenheim begannen sich abzusetzen, waren aber immer noch von der Idee besessen, in letzter Minute mit dem verbliebenen Rest ihrer politischen Gegner abrechnen zu können.

Am Sonntag, dem 18. März 1945, brachen Männer der „politischen Staffel“ zu den Wohnungen von acht Niersteiner AntifaschistischInnen auf, um diese angeblich für einen angeblichen Arbeitseinsatz zu verhaften. Als Grundlage wurde eine alte Liste von politischen Gegnern aus dem Jahr 1933 benutzt.

Zwei Männern gelang es sich der Verhaftung zu entziehen, die anderen wurden unter scharfer Bewachung über den Rhein gebracht zur NSDAP - Kreisleitung nach Groß - Gerau gebracht. Doch dort wußte man nichts mit ihnen anzufangen , daher wurden sie noch am gleichen Abend der Polizeiwache in Groß - Gerau übergeben. In engen Zellen verbrachten die sechs Niersteiner in völliger Ungewißheit zwei lange Nächte. Am 20. März mußten sie sich unter strenger Bewachung zu Fuß zur Gestapo nach Darmstadt aufmachen. Die Nacht zum 21. März verbrachten sie im dortigen Gefängnis, immer noch im Unklaren über ihr Schicksal.

Doch am nächsten Morgen schien sich alles zum Guten zu wenden: Die Gefangenen wurden freigelassen und durften sich auf den Heimweg machen. Kurz vor Ende ihres Fußmarsches, auf der Strecke zwischen Leeheim und Geinsheim wurden sie von einem Auto überholt, an dessen Steuer der Niersteiner Ortsgruppenleiter Bittel saß. Er erklärte den mitfahrenden Offizieren, um welche Leute es sich handelte. Daraufhin erklärte einer der Offiziere, daß man sie an der Fähre abfangen und ihre Überfahrt verhindern müsse.

Völlig erschöpft erreichten die Menschen gegen 11 Uhr die Fähre. Doch es gelang ihnen nicht mehr überzusetzen, da die Fähre mittlerweile für den nicht - militärischen Verkehr gesperrt war. Auch die Flucht mit einem Nachen mißlang.

Einer der Gefangenen konnte sich auf der Fähre verstecken und so dem Schicksal seiner Leidensgenossen entgehen. Die verblieben fünf wurden in den Hof einer nahegelegenen Gaststätte gebracht und dort festgehalten. Zu ihnen brachte man dann noch der Oppenheimer Uhrmachermeister Gruber, dem Fahnenflucht vorgeworfen wurde.

Das Urteil über die sechs Menschen war schnell gefällt: es lautete „Tod durch Erschießen“. Die völlig erschöpften Gefangenen wurden daraufhin zu einer etwa 500 Meter nördlich gelegenen Flakstellung getrieben. Sie wurden brutal mißhandelt und darüber hinaus gezwungen die Löcher, in denen sie verscharrt werden sollten, selbst auszuheben. Bevor die Mörder zur Tat schritten, wurden die ihnen Ausgelieferten brutal zusammengeschlagen.

Dann mußten sich die sechs Todgeweihten vor ihren Gräbern aufstellen. Es handelte sich um den Sozialdemokraten Johann Eller und seine jüdische Ehefrau Cerry Eller, um den Sozialdemokraten Jakob Schuch, einem aktiven Gegner des nationalsozialistischen Regimes, das KPD - Mitglied Georg Eberhard, das KPD - Mitglied Nikolaus Lerch und Rudolf Gruber, der während der Nazizeit politisch nicht in Erscheinung trat und sich lediglich weigerte, in einem Himmelfahrtskommando für den „Endsieg“ zu kämpfen. Jakob Schuch starb mit geballter linker Faust als Zeichen seines ungebrochenen Widerstandes. Als letzte wurde die 63-jährige Jüdin Cerry Eller hingerichtet. Ihr wurde ein letzter Wunsch gewährt: Sie durfte sich noch einmal umdrehen und einen letzten Blick auf ihre Heimatgemeinde Nierstein werfen. Zur gleichen Zeit rollten auf der anderen Rheinseite die ersten US - Panzer in Dienheim, Oppenheim und Nierstein ein. Für die Weinbaugemeinden war es der Tag der Befreiung von zwölf Jahren Naziterror und Diktatur. Sechs von ihnen durften das Ende des nationalsozialistischen Regimes, das sie sehnlichst erwartet hatten, nicht mehr miterleben. Auf dem Kornsand hatten blutrünstige Repräsentanten eines menschenverachtenden Systems, dem gerade die Macht entglitten war, noch einmal Rache genommen an jenen, die sich der Willkürherrschaft zu keinem Zeitpunkt gebeugt hatten.

Es dauerte dreieinhalb Jahre bis drei der am Mord Beteiligten vor Gericht gestellt wurden, der vierte war flüchtig und wurde per Haftbefehl gesucht

Zunächst saßen der ehemalige Ortsgruppenleiter Georg Ludwig Bittel, der ehemalige Leiter des Reichsschulungslagers der NSDAP in Oppenheim Alfred Schniering und der ehemalige Leutnant Hans Kaiser auf der Anklagebank. Bittel, der die Opfer ausgewählt hatte, wurde aus Mangel von Beweisen freigesprochen. wurde nur zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt Alfred Schniering., Schniering dagegen, der den Mordbefehl gab, wurde zu der zulässigen Höchststrafe, lebenslanges Zuchthaus, verurteilt. Kaiser, der den blutigen Befehl vollstreckt hatte, wurde sein damaliges Alter - er war achtzehneinhalb Jahre gewesen - zugute gehalten und er erhielt daher nur 10 Jahre Haft.

Der NS - Offizier und Ordensjunker Heinrich Funk wurde schließlich 1950 festgenommen. Er war sowohl Zeuge als auch Teilnehmer an dem Gespräch über die Todesart der Opfer gewesen und hatte zudem die Überfahrt der fünf Niersteiner vereitelt und mit dem Hinweis ausgeliefert, sie seien kriminelle, politisch vorbelastete Personen. Mit seiner Denunziation hatte er die wesentliche Voraussetzung für die spätere Festnahme und Ermordung geschaffen. Er wurde wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Schniering und Kaiser bemühten sich in der Folgezeit wiederholt aber erfolglos um die Wiederaufnahme des Verfahrens. Was aus ihnen in der Folgezeit wurde, liegt weitgehend im Dunkeln.

Funk war nach knapp eineinhalb Jahren wieder frei. Er lebt heute als unbescholtener Bürger in Nierstein, inmitten der Nachkommen der Opfer.

Auch in diesem Jahr wird es wieder eine Gedenkfeier an dem für die Ermordeten gesetzten Gedenkstein geben. Sie findet am 21. März um 18 Uhr statt.